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„Wir können der globale Innovator werden“

Expertenrunde zur Energiewende (Bild)
Welche Chancen und Risiken birgt die Energiewende? Welchen Beitrag leisten die Erneuerbaren Energien für den Klimaschutz? Und welche Hürden gilt es auf nationalem wie internationalem Parkett zu meistern?

Unsere Experten

Prof. Ottmar Edenhofer (50)

ist stellvertretender Direktor und Chef-Ökonom am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK), Professor für die Ökonomie des Klimawandels an der Technischen Universität Berlin und Vorsitzender der Arbeitsgruppe III des Weltklimarates (IPCC). Diese hat kürzlich einen umfassenden Sonderbericht zu den Erneuerbaren Energien veröffentlicht.

Dr. Martin Iffert (45)

ist Vorstandsmitglied des Aluminiumproduzenten Trimet Aluminium AG in Essen. Der studierte Elektrotechniker mit einem MBA von der IMD Business School in Lausanne hat zahlreiche technische Fachbeiträge veröffentlicht und auf internationalen Konferenzen präsentiert. In den letzten Jahren forschte er an der Universität von New South Wales in Sydney und promovierte dort.

Dr. Jan-Philipp Gillmann (38)

studierte in Hamburg und Berkeley Betriebswirtschaftslehre und hat 2000 in St. Gallen promoviert. Von 2000 bis 2008 arbeitete er in München und Hamburg bei der Beratungsfirma McKinsey. Seit 2008 leitet er das Center of Competence Renewable Energies (CoC RE) der Commerzbank.

Unter der Moderation von Dr. Stephan Lienin von sustainserv diskutieren darüber Prof. Dr. Ottmar Edenhofer, Chef-Ökonom des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung, Dr. Martin Iffert, Vorstand der Trimet Aluminium AG, und Dr. Jan-Philipp Gillmann, Leiter des Kompetenzzentrums Erneuerbare Energien der Commerzbank.

Die Energiewende hat das Zeug dazu, „Wort des Jahres“ zu werden. Herr Professor Edenhofer, was genau verstehen Sie unter dem Begriff? Und was sind die übergeordneten Ziele? Wie kritisch ist der Begriff zu sehen?

Edenhofer: Wenn wir auf den gesamten Erdball schauen, gibt es schlicht und ergreifend keine Energiewende. Wir haben weltweit ein fossil basiertes Energiesystem auf der Grundlage von Kohle, Öl und Gas. Der Anteil an Erneuerbaren Energien ist sehr gering. Mehr noch: Wir stehen inmitten der größten Kohlerenaissance der Menschheitsgeschichte. Sie findet vor allem in China, Indien und den USA statt. Woran liegt das? Erstens: Aufgrund der hohen Öl- und Gaspreise ist die Verstromung von Kohle rentabel geworden. Zweitens: China hat sich entschlossen, vom Öl aus dem Nahen und Mittleren Osten unabhängig zu werden und dazu ein großes Investitionsprogramm zur Kohleverflüssigung aufgesetzt. Ein weiteres Phänomen wird wegen des hohen Ölpreises meist übersehen: Wir haben in den letzten Jahren eine drastische Zunahme an Exploration von neuem Öl, neuer Kohle und neuem Gas. Es hat also auf globaler Ebene eine Energiewende hin zur weiteren Nutzung von fossilen Energieträgern gegeben.

Gillmann: Nun dreht sich aber die allgemeine Diskussion auch um die Endlichkeit der Rohstoffe, die zunehmende Ressourcenknappheit. Irgendwann ist es zu Ende mit dem Öl. Die Debatte um Peak Oil, also den Zeitpunkt, an dem das globale Fördermaximum erreicht ist, wird seit Jahrzehnten geführt.

Edenhofer: Sie haben vollkommen Recht. Aber die Peak-Oil-Vermutung macht das Ganze nur noch schlimmer. Meine These ist: Ein hoher Ölpreis ist für die internationale Klimapolitik ein Desaster. Er führt dazu, dass die nicht konventionellen Ölreserven rentabel werden, also etwa die Ölsande in Kanada. Das ist der erste und wichtigste Effekt: Er macht nicht primär die Erneuerbaren Energien rentabel, sondern die Nutzung der Ölsande. Der zweite Effekt: Er macht die Kohle und die Kohleverflüssigung rentabel. Die Verknappung von Öl bedeutet schlicht, dass wir verstärkt die Kohle nutzen. Das sind alles emissionsintensive Energiequellen. Wir haben im Boden etwa 12 000 Gigatonnen Kohle. Das reicht rechnerisch für 800 Jahre. Die verbreitete Hoffnung, dass uns die fossilen Energieträger ausgehen und dies zur Energiewende führt, ist vollkommen verfehlt. Fakt ist: Wir haben zu viel fossile Ressourcen im Boden. Die wirkliche Knappheit im 21. Jahrhundert ist der Deponieraum der Atmosphäre, wo wir unser CO2 abladen. Emittieren wir zu viel, riskieren wir einen übrigens auch in wirtschaftlicher Hinsicht gefährlichen Klimawandel. Es gibt deshalb aus meiner Sicht nur einen Weg. Die Weltgemeinschaft muss sich darauf einigen, dass dieser Deponieraum verknappt wird, und dass wir einen steigenden CO2-Preis haben. Wir werden fehlgeleitet werden, wenn wir uns bei der Energiewende auf Europa allein fokussieren. China etwa ist längst die Werkbank der Welt. Mit allen langlebigen Konsumgütern, die wir aus China einführen, importieren wir auch die CO2-Emissionen. Wenn China weiterhin in großem Maßstab auf die Kohle setzt, werden die Emissionen steigen, auch dann, wenn wir in Europa große Anstrengungen zur Emissionsreduktion unternehmen. Nun hat sich Deutschland entschlossen, aus der Kernenergie nicht nur auszusteigen und die Erneuerbaren stark auszubauen. Wenn Deutschland zeigt, dass ein hoch industrialisiertes Land den Anteil der Erneuerbaren Energien zu geringen Kosten erhöhen kann, wird dies eine starke Signalwirkung auch auf andere Länder haben.

Expertenrunde zur Energiewende (Bild)

Iffert: Das ist der springende Punkt. Die Regierung hat zwar die Energiewende verkündet. Sie hat aber nicht definiert, wie man wirklich da ankommt. Wir als Unternehmen nehmen die unmittelbaren Auswirkungen auf Märkte und Preise wahr. Wenn man sich auf Deutschland bezogen die Energiepreise anschaut, sieht man, dass mit dem Moratorium zum Atomausstieg gleichzeitig die Energiepreise an der Energiebörse EEX in Leipzig um 10 bis 20 Prozent angezogen haben. Das war eine unmittelbare Konsequenz aus den Beschlüssen. Ich glaube, es ist wichtig, in einen gesellschaftlichen Dialog einzutreten und sich die Frage zu stellen: Welche übergeordneten Ziele wollen wir erreichen? Geht es nur darum, diesen Flecken Deutschland von Kernenergie und CO2-Emissionen zu bereinigen oder müssen wir nicht die Probleme globaler lösen? Dann können wir unsere Emissionsprobleme eben nicht dadurch lösen, dass wir unsere CO2-Emissionen einfach exportieren. Wir haben in der Energiewende zwar einen Ethikrat eingeführt, aber wir lösen unsere Ethikprobleme in Deutschland doch nicht, indem wir nun auf Stromimporte setzen und energieintensive Produkte wie Aluminium, Stahl, Kupfer, Silizium einfach in anderen Ländern fertigen lassen. Zudem ist es einfach nicht redlich, auf russisches Erdgas zu setzen und gleichzeitig zuzuschauen, wie in Russland Dutzende neue Kernkraftwerke gebaut werden. Natürlich bietet die deutsche Energiewende auch neue Chancen, aber viele deutsche Branchen sind hier ins Hintertreffen geraten.

Gillmann: Ich stimme mit Ihnen beiden überein. Natürlich brauchen wir eine globale Koordination. Insgesamt gibt es aber zwei Seiten der Diskussion: Dadurch, dass die Energiewende in Deutschland politische Realität geworden ist, gibt es zwar Verlierer im internationalen Wettbewerb, so beispielsweise die energieintensiven Branchen, aber es gibt auch Gewinner – die Erneuerbaren Energien.

… die Erneuerbaren Energien. Herr Dr. Gillmann, die Commerzbank fördert und finanziert seit vielen Jahren den Ausbau der Erneuerbaren Energien. Können Sie uns einen Einblick in die Herausforderungen der Branche geben? Wie ist die Stimmung? Wo schlummern Potenziale?

Gillmann: Mit Blick auf die politischen Entscheidungen in Deutschland gibt es eine ganze Menge Optimismus und Hoffnung – etwa bei den Windturbinenherstellern und den Projektentwicklern, aber auch in der Solarindustrie, der es ja ansonsten nicht allzu gut geht. Allerdings ist Deutschland ein vergleichsweise reifer Markt, da hier schon viel passiert ist. Ein großer Teil der Wachstumshoffnungen liegt damit im Ausland. Für viele unserer Kunden ist das Geschäft längst sehr international. Entsprechend machen auch wir im Bereich der Projektfinanzierung ungefähr die Hälfte unseres Neugeschäfts außerhalb Deutschlands, um unseren Kunden diese Internationalisierung zu ermöglichen. Allerdings werden wir nur in Ländern aktiv, die politisch und wirtschaftlich höchst stabil sind. Investitionen in Erneuerbare Energien sind durch Langfristigkeit geprägt und erfordern insofern uneingeschränkt stabile Rechtsverhältnisse. Wo können wir uns darauf verlassen, dass Fördermechanismen auch tatsächlich eingehalten werden?

Technologisch sehe ich in Deutschland am meisten Potenzial in Offshore-Wind – hier gibt es starken politischen Willen – aber auch im sogenannten Repowering, also der Nutzung neuer Technologien an vorhandenen Standorten. In anderen Ländern hat die Photovoltaik bessere Aussichten, da hier die Sonneneinstrahlung besser ist. Beispiele sind hier die USA, insbesondere der Südwesten oder auch das Projekt Desertec.

Insgesamt wird der langfristige Erfolg der Erneuerbaren Energien in höchstem Maße davon abhängen, inwieweit konkurrenzfähige Energiegestehungskosten erreicht werden können. Dies treibt die Industrie maßgeblich an. Es ist schon viel passiert auf der Kostenkurve, aber es muss noch mehr passieren.

Edenhofer: Ihrem Hinweis auf die gewaltige Lernkurve bei den Erneuerbaren Energien kann ich nur zustimmen. Dieser Effekt wird oft übersehen, er ist aber für das ökonomische Potenzial der Erneuerbaren entscheidend. Und die enormen Wachstumsraten, die wir bei den Erneuerbaren in den letzten fünf Jahren gesehen haben, wenn auch auf der Basis niedriger Ausgangswerte, sind bemerkenswert. Die Weltgemeinschaft kann auf die Erneuerbaren überhaupt nicht verzichten – keine Frage. Es besteht auch überhaupt kein Zweifel, dass die Erneuerbaren weltweit ein gewaltiger Wachstumsmarkt sein werden. Dennoch ist die Förderung der Erneuerbaren Energien kein Ersatz für eine Bepreisung der CO2-Emissionen. Denn ohne eine CO2-Bepreisung könnten trotz des Ausbaus der Erneuerbaren Energien die Emissionen steigen. China investiert kräftig in die Erneuerbaren. Aber ohne einen CO2-Preis würde es auch weiter in die Kohlenutzung investieren. Und zwar gewaltig! Im Jahr 2030 werden in China 70 bis 80 Prozent der Verstromung immer noch aus der Kohle kommen. Wenn wir also über das Potenzial der Erneuerbaren diskutieren, sprechen wir zwangsläufig von einem Wettlauf gegen die Kohle. Hier kann nur Cap and Trade helfen, das Deckeln der Emissionen und der Emissionshandel. Dieser führt dazu, dass weltweit dort der Ausstoß von Treibhausgasen reduziert wird, wo es am effizientesten ist. Am Ende geht es halt um Ressourcenallokation. Wir dürfen uns dabei über eines nicht hinwegtäuschen: Wir haben heute durch die CO2-Emissionen, die wir in der Atmosphäre abgelagert haben, das Klima des Jahres 2050 gleichsam bereits festgelegt. Daran können wir nicht mehr rütteln. Wir reden also über die möglicherweise dramatischen Wirkungen in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts. Wir können darüber streiten, ob wir noch 15 Jahre Zeit haben oder noch 10 Jahre, um ein ambitioniertes globales Abkommen zum Klimaschutz hinzubekommen, oder alternativ regionale Regelungssysteme international zu verknüpfen. Die genaue Anzahl der Jahre ist ziemlich egal, es ist einfach wahnsinnig wenig Zeit.

Ich höre den Konsens heraus, dass es zur Energiewende – Kernkraft abschalten – allein nicht langt. Es braucht globale Spielregeln.

Iffert: Ich persönlich glaube sehr stark an die Innovation, an die Wissenskraft und daran, dass in 20 Jahren ganz neue Wege offen stehen. Ich bin überzeugt, dass wir ein exponentielles Wissenswachstum erleben werden. Auch aus diesem Grund sollten wir nicht unser gesamtes Volksvermögen auf nur eine Karte setzen. Hier ist Handlungsbedarf, und einen Regierungsbeschluss, der vorsieht, unter den aktuellen Bedingungen keinen erhöhten CO2-Ausstoß zuzulassen, halte ich derzeit für unrealistisch. Denn es würde bedeuten, dass wir den Wohlstand, den die Menschen empfinden, einschränken würden.

Edenhofer: Das letzte Argument teile ich nicht. Sie sagen, CO2-Reduktion führe zu Wohlstandsverlust. Die Erneuerbaren Energien bieten jedoch ein breites Spektrum mit hohem technischen Fortschrittspotenzial. Viele Experten erwarten, dass die Kosten der Erneuerbaren weiter sinken werden. Wir dürfen aber weltweit nicht nur über die Erneuerbaren reden, sondern müssen auch über die nachhaltige Nutzung fossiler Energieträger sprechen. Dazu gehört eine Technologie, die in Deutschland durchaus unbeliebt ist: Carbon Capture and Storage (CCS), also die Abscheidung und Speicherung von Kohlendioxid. Wir haben das in ökonomischen Szenarien mehrfach durchgerechnet: Eine erfolgreiche internationale Klimapolitik ohne CCS ist nur schwer machbar. Wir haben aber in Europa nicht ein einziges Pilotprojekt, das von der Abscheidung über den Transport zur Anlage und das Verpressen im Boden zeigt, ob das Prinzip funktioniert oder nicht. Ich halte es für unverantwortlich, dass man die ergebnisoffene Erforschung einer solchen Option aufgibt. So verständlich die Angst vieler Menschen vor dieser neuen und bislang wenig verstandenen Großtechnik auch ist – die CCS-Option von vornherein auszuschließen, ist aus meiner Sicht aberwitzig.

Gillmann: Wir diskutieren recht einseitig über die Risiken der Energiewende durch steigende Strompreise. Die hiermit verbundene Chance ist aber, dass uns die erhöhten Kosten zum Umdenken zwingen. Wenn man keinen ökonomischen Anreiz hat, über Innovationen nachzudenken, wird es auch keine geben. Jetzt aber sind wir gezwungen, aus unserer Komfortzone herauszukommen und Lösungen für die Herausforderung der Energiewende zu finden.

Iffert: Auch ich sehe die Zukunft ganz klar in Form von Erneuerbaren Energien. Die Frage ist nur: Wie kommen wir dahin? Gemäß den politischen Vorgaben und den Modellen der DENA (Deutsche Energie Agentur) erreichen wir bis 2030 eine installierte Kapazität an Erneuerbaren Energien, die doppelt so hoch ist wie das, was in Deutschland zu Spitzenzeiten an Leistung gebraucht wird. Was machen wir aber, wenn der Wind nicht weht und die Sonne nicht scheint? Hier klafft aber eine dramatische Lücke im Konzept, denn es gibt nicht annähernd genug Speicherkapazität. Der Ausbau der Erneuerbaren Energien bedeutet auch einen großen Bedarf an Rohstoffen. Für den Werkstoff Aluminium haben wir das einmal berechnet und kamen zu der enormen Menge von 1 Million Tonnen Mehrbedarf allein für den Ausbau der Stromnetze, der Photovoltaikanlagen und der Windparks. Darin ist das Thema Elektromobilität noch gar nicht erfasst. Ferner werden auch Millionen Tonnen an Stahl, Kupfer und Silizium benötigt. Diese Werkstoffe müssen irgendwo produziert werden und zwar nachhaltig. Dies funktioniert jedoch nur dann, wenn man die Staatengemeinschaft auf einen gemeinsamen Weg einschwört. Das bedeutet aber auch: Wenn wir in Deutschland vorpreschen, hat das nur dann international einen Vorteil für Klimaschonung und nukleare Sicherheit, wenn es zu einem erfolgreichen Nachahmungseffekt führen kann. Und das schaffen wir nur, wenn wir Deutschland nicht gleichzeitig deindustrialisieren. Hierfür müssen jedoch noch entsprechende Konzepte erarbeitet und umgesetzt werden.

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