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„Gute Orchester tönen gemischt“

Christine Weiner über Frauenförderung (Bild)
Bei der Commerzbank gehört jeder zweite Arbeitsplatz einer Frau. Und doch liegt der Anteil weiblicher Führungskräfte erst bei 23 Prozent.

Um mehr Top-Jobs mit Leistungsträgerinnen zu besetzen, hat die Bank das Projekt „Frauen in Führungspositionen“ ins Leben gerufen. Wichtiger Bestandteil ist das Self-Mentoring-System (SMS). Es unterstützt Frauen dabei, ihre Karriere eigenverantwortlich in die Hand zu nehmen. Im Gespräch: Christine Weiner, selbstständige Unternehmensberaterin und Personal-Coach. Sie hat das SMS-Programm mitentwickelt.

Frau Weiner, warum arbeiten in der Wirtschaft immer noch so wenig Frauen in Führungspositionen? Könnte die aktuell diskutierte Frauenquote helfen?

Die aktuelle Diskussion erinnert mich an die Zeit, als die ersten Frauen in Orchestern mitspielten. Das war Mitte des letzten Jahrhunderts. Es gab zum Teil merkwürdige Argumente, die gegen die Arbeit von Musikerinnen in Orchestern sprachen. Das schrägste Argument der Orchesterdiskussion lautete, Frauen könnten die Geige nicht so lange halten wie Männer. Kein Konzertbesucher wundert sich heute, warum da Frauen mitspielen. Ob die wohl nur durch eine Quote auf ihren Platz gekommen sind? So gesehen werden wir auch schon bald vergessen, ob eine erfolgreiche Frau mit oder ohne Quote zu ihrer Aufgabe gekommen ist. Erfolgreiche Menschen, Männer wie Frauen, zeichnen sich in der Mehrzahl durch ihr Können aus. Sicher ist jedoch meiner Meinung nach, dass Unternehmen, die in den nächsten zwei bis drei Jahren keinen deutlich erhöhten Frauenanteil aufweisen, verstaubt, konservativ und antiquiert erscheinen werden. Denn diese Unternehmen hinken dem aktuellen Zeitgeist hinterher. Wirklich gute Orchester und Chöre tönen gemischt. Wirklich gute Unternehmen auch.

Und wie sieht es in Ihrer Branche aus? Was hemmt und fördert die Karriere von Frauen im Bankgewerbe?

Es geht nicht mehr um Förderung oder die Frage, was Frauen hemmt. Lassen Sie uns lieber diskutieren, wie wir das gemeinsame Führen von Unternehmen gestalten werden. Nicht mehr Männer, nicht mehr Frauen, sondern Männer und Frauen ist das Thema. Förderlich ist für dieses neue Miteinander die Bereitschaft, voneinander zu lernen. Wenn wir dies schaffen, dann werden wir auf ganz neue Weise Erfolge realisieren. Ich vermute, dass die gemeinsame Führung nicht nur eine neue Qualität von Führung, sondern auch eine neue Qualität des Erfolgs bewirken wird.

Sie haben das Self-Mentoring-System (SMS) der Commerzbank mitentwickelt. Was ist das Besondere an diesem Programm für die berufliche Entwicklung von Frauen in Führungspositionen?

Das SMS-Programm begleitet Frauen, die eigenverantwortlich ihre Karriere in die Hand nehmen. Der Unterschied zu strukturierten Mentoring-Programmen: Beim SMS bestimmt die Mentee, also die Frau, die durch den Mentor betreut wird, den Such- und Matchingprozess selbst. Sie muss ihr Ziel genau kennen, einen Mentor oder eine Mentorin definieren und sich dann auf die Suche begeben, diesen Menschen innerhalb der Commerzbank zu finden und für ihren Mentoring-Prozess zu gewinnen. Der Gewinn dabei ist eine neue Übersicht, aus der sich wieder neue Perspektiven entwickeln lassen. Mit den anderen Mentees entsteht so ein Netzwerk. Meine Aufgabe ist dabei die Begleitung der Mentee ebenso, wie die der Gruppe. Der Weg führt von der Vision über die Strategieentwicklung zum Ziel. Die Mentees erfahren in diesem Prozess, dass überdachtes und gesteuertes Engagement Karrieren möglich macht. Diese Erfahrung lässt sich auf andere Ziele übertragen und wirkt wie ein guter Antrieb.

Das klingt spannend. Und was raten Sie Frauen, die ihre weitere Karriere bewusst gestalten wollen?

Nach meiner Erfahrung ist die Transparenz hinsichtlich des eigenen Handelns ungemein wichtig und förderlich. Nur was ich weiß, kann ich auch verwirklichen. Nur wenn ich weiß, was mich bremst, kann ich dies bearbeiten und lösen. Die Klarheit über die eigenen Antriebe, Wünsche und Blockaden ist ein guter Motor für Karriere und Veränderung. Sich seiner Handlung und Motive selbst bewusst zu sein, tut jedem Menschen gut und ist gleichzeitig ein wichtiger Aspekt von Führung.

Hand aufs Herz: Welche Hürden mussten Sie im Laufe Ihrer Karriere nehmen?

Welche der vielen Hürden soll ich wählen? Sicher ist die Schule ein guter Beginn. Gleich zwei Mal musste ich wegen Deutsch eine Klasse wiederholen. Meine Sehnsucht, Bücher zu schreiben, schien damals so unerfüllbar wie eine Reise zum Mond. Als ich dann auf die richtig große Überholspur ging, waren alle sehr verdutzt. Später habe ich, entgegen aller Hürden und Unkenrufe, mir meinen Herzenswunsch verwirklicht und bin als Mitglied im altehrwürdigen P.E.N.-Club aufgenommen worden. Immer wieder habe ich privat und beruflich etwas gewagt, habe Hürden genommen und Risiken akzeptiert. Inzwischen ist eine meiner Grundannahmen: Es sind nicht die Hürden, die mich bestimmen, sondern ich bestimme, was eine Hürde für mich ist.

Frau Weiner, vielen Dank für das Gespräch.

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